Über 120 Teilnehmende verfolgten im Festspielhaus am Wall das Side-Event, das Fachkräftesicherung als strategisches Thema in den Mittelpunkt stellte. Deutschland verfolgt ambitionierte maritime Ziele – von der Energiewende bis zur Nationalen Hafenstrategie. Doch ohne ausreichend qualifizierte Fachkräfte drohen strategische Abhängigkeiten und ein Verlust maritimer Handlungsfähigkeit.
Politische Impulse zur maritimen Souveränität
Dr. Christoph Ploß, Koordinator der Bundesregierung für Maritime Wirtschaft und Tourismus, eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort zur wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bedeutung maritimer Fachkräfte. Er betonte die gute Ausgangslage der maritimen Wirtschaft in Deutschland, dass aber Resilienz weit über technische Lösungen hinausgehe – sie sei eine Frage der Kompetenz und insbesondere der Anpassungsfähigkeit unseres Bildungssystems. Es brauche außerdem in den kommenden Jahren große Anstrengungen bei der Fachkräftegewinnung.
Dr. Wibke Mellwig vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur lenkte in ihrem Grußwort die Perspektive außerdem auf die Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der maritimen Wirtschaft. Deutschland sei als Exportnation in besonderem Maße auch auf eine leistungsfähige, narrative Wirtschaft angewiesen – wirtschaftlich, energiepolitisch und zunehmend auch sicherheitspolitisch. Zeitenwände, Energiewende und die Sicherung globaler Lieferketten, alle diese Ziele ließen sich nicht ohne qualifizierte maritime Fachkräfte erreichen. Es brauche eine starke deutsche Flagge.
Keynote: Resilienz als Menschen-, Technik- und Organisationsdreiklang
Prof. Dr. Frank Sill Torres, Kommissarischer Geschäftsführer des DLR-Instituts für den Schutz maritimer Infrastrukturen, legte in seiner Keynote „Ohne Köpfe keine Souveränität“ den Fokus auf verschiedene Aspekte und Formen von Resilienz. Seine zentrale These: Eine resiliente maritime Wirtschaft erfordert nicht nur widerstandsfähige Technologien, sondern auch kompetente Menschen mit den richtigen Fähigkeiten.
Torres plädierte für einen Paradigmenwechsel: Weg vom rein leistungsorientierten Denken, hin zu einem ganzheitlichen Resilienzansatz entlang drei Dimensionen. Technische Systeme müssen zuverlässig sein und durch Automatisierung menschliche Fehler reduzieren. Der Mensch steht als Systemgestalter im Mittelpunkt – ist aber zugleich Risikofaktor, weshalb bessere Ausbildung sowie die Fähigkeit zum Verstehen, Antizipieren und Lernen entscheidend sind. Auf organisationaler Ebene braucht es klare Abläufe, gute Koordination und vor allem Flexibilität im Umgang mit Unsicherheiten.
Paneldiskussion: Brücken bauen, Resilienz stärken
In der anschließenden Paneldiskussion „Brücken bauen, Resilienz stärken: Fachkräfte für die maritime Zukunft“ kamen Vertreter*innen aus unterschiedlichen Bereichen der maritimen Wirtschaft zusammen: Dr. Melanie Frerichs (IG Metall Küste), Ramona Zettelmaier (Marine Chief Executive, Central European Area, Bureau Veritas), Jens Aurel Scharner (Geschäftsführer Hafen Rostock), Carsten Wendt (Senior Manager – Head of Sales High & Heavy and Breakbulk, Wallenius Wilhelmsen Ocean AS) sowie Prof. Dr. Frank Sill Torres.
- Bedarf und Durchlässigkeit: Dr. Melanie Frerichs (IG Metall Küste) verdeutlichte die Größenordnung: Allein in ihrem Bereich werden ca. 5.000 Fachkräfte benötigt. Angesichts von 2,9 Mio. jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Berufsabschluss muss das Bildungssystem durchlässiger werden, um Weiterbildung und Umschulung innerhalb der Betriebe flexibler zu ermöglichen.
• Modernisierung der Ausbildung: Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, ist eine Anpassung der Lehrpläne notwendig. Carsten Wendt (Wallenius Wilhelmsen) betonte die Notwendigkeit englischsprachiger Ausbildungsmodule und Studiengänge, um internationale Talente besser zu integrieren. Darüber hinaus gälte es, starre bürokratische Hürden abzubauen.
• Attraktivität und Sinnhaftigkeit: Die maritime Wirtschaft bietet durch die Dekarbonisierung und die Transformation der Häfen eine hohe Sinnhaftigkeit. Jens Scharner (Hafen Rostock) unterstrich jedoch, dass dies allein nicht ausreicht: Wir müssen frühzeitig in Schulen präsent sein und Arbeitszeitmodelle finden, die den Anforderungen des 24/7-Betriebs und modernen Lebensrealitäten gerecht werden.
• Kompetenzprofile im Wandel: Es geht nicht nur um die Anzahl der Köpfe, sondern um die richtigen Qualifikationen zur richtigen Zeit. Ramona Zettelmaier (Bureau Veritas) mahnte zu mehr Pragmatismus und Geschwindigkeit nach internationalem Vorbild. Prof. Dr. Frank Sill Torres (DLR) ergänzte, dass Resilienz vor allem Adaptionsfähigkeit bedeutet – insbesondere bei der Integration von KI und Digitalisierung.
• Diversität und Sicherheit: Ein zentraler Hebel bleibt die Gewinnung von Frauen für die Branche. Hierfür sind sichtbare Rollenmodelle, eine offene Unternehmenskultur und flexible Arbeitszeitmodelle entscheidend. Parallel dazu erfordern Themen wie Cybersecurity und Hafensicherheit eine kontinuierliche Sensibilisierung und Qualifizierung der gesamten Belegschaft.
Fazit: Zusammenarbeit als Schlüssel
Dr. Matthias Catón, Geschäftsführer des DMZ, zog ein positives Fazit: „Heute wurde deutlich: Maritime Souveränität beginnt mit den Menschen. Die Breite und Tiefe der heutigen Debatte zeigt, dass die Branche die Dringlichkeit erkannt hat – und bereit ist, gemeinsam zu handeln. Für das DMZ ist das ein starkes Signal und ein klarer Auftrag, dieses Thema weiter voranzutreiben.“
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Fachkräftesicherung nur durch effektive Zusammenarbeit aller relevanten Akteure gelingen kann. Branche und Politik sind nun gefordert, aus den Impulsen konkrete Schritte zu entwickeln.





































