Ein einfaches, dunkelblaues Lupensymbol auf einem hellgrauen Hintergrund.
Ein einfaches, dunkelblaues Lupensymbol auf einem hellgrauen Hintergrund.

Im Interview: Jan Sebastian Donner (ENERCON) über Trends in der Windkraftanlagen-Logistik

Im Rahmen der ersten Ausgabe des Trendscout Short Sea Shipping sprachen wir mit Jan Sebastian Donner von ENERCON über die Logistik von Windkraftanlagen im Hochlauf der Energiewende. Als Experte gibt er Einblicke in die Herausforderungen für WKA-Hersteller und beantwortet zentrale Fragen rund um die Zukunft der WKA-Logistik.
02.05.2026
Ein lächelnder Mann mit Brille und Bart, der einen schwarzen Pullover mit Reißverschluss über einem weißen Hemd trägt, steht im Freien mit Grünpflanzen und verschwommenen Gebäuden im Hintergrund. © J. Donner.

Short Sea Scout: Der Ausbau der Onshore-Windenergie ist im Hochlauf und nimmt immer mehr an Fahrt auf. Was sind zurzeit die größten Herausforderungen in der operativen WKA-Logistik?

 

Die größten Engpässe liegen aktuell in fehlenden und überlasteten Parkflächen für Sondertransporte, der maroden und teilweise abgelasteten Verkehrsinfrastruktur sowie unzureichenden Umschlags- und Lagerkapazitäten in relevanten Binnenhäfen. Dies führt zu deutlich erhöhtem Planungsaufwand und limitiert die operative Stabilität.

 

Schlagen sich die in den letzten Jahren gestiegenen Genehmigungen für Windparks in eine Zunahme von Transporten für Projekte nieder?

 

Ja. Die steigenden Genehmigungen spiegeln sich klar in den Aufbauzahlen wider. Die Anzahl der Transporte nimmt kontinuierlich zu. Der VDMA prognostiziert für dieses Jahr über 15.500 Sondertransporte allein für Hauptkomponenten – ohne beispielsweise Krane und containerisierte Schwergüter, die zusätzlich relevant sind.

 

 

Die Anlagen werden zum einen immer leistungsfähiger, zum anderen immer größer und damit auch logistisch anspruchsvoller. Welche Auswirkungen haben die größeren Anlagen auf die Transportketten?

 

Höhere Gewichte und deutlich größere Abmessungen, insbesondere bei Stahlsektionen und Rotorblättern, erhöhen die Komplexität der Streckenauswahl erheblich. Zuwegungen müssen projekt- und anlagenindividuell geprüft werden. Während Lösungen wie Bladelifter auf der Straße teils Abhilfe schaffen, sind Wasserstraßen durch die Infrastruktur begrenzt. Die gesamte Transportkette arbeitet damit nahe an der Belastungsgrenze und erfordert detaillierte, iterative Planung.

 

Wie beeinflussen kleinere Windparks die Transportketten?

 

Die Größe eines Parks hat Einfluss auf die Komplexität der Logistik. Zwar gilt, ob eine oder 50 Anlagen: Eine resiliente, präzise und wirtschaftliche Transportplanung bleibt erforderlich. Außerdem ist maßgeblich die Einhaltung logistischer Grundsätze – die richtige Komponente, zur richtigen Zeit, im richtigen Zustand, am richtigen Ort, zu minimalen Gesamtkosten. Doch es gilt auch, dass der beste Weg zum Windpark zu finden ist. Somit müssen bei vielen kleineren Projekten deutlich mehr Streckenprüfungen und Transportgenehmigungen berücksichtigt werden, als bei wenigen größeren Windparks. Auch die regelmäßigen Prüfungen von Veränderungen auf den Strecken wird durch eine Zunahme von Relationen wesentlich aufwändiger.

 

Welche regulatorischen oder infrastrukturellen Entwicklungen siehst du als größte Chance bzw. Risiko für die WKA-Logistik in Deutschland?

 

Infrastrukturelle Entwicklungen sind für die WKA‐Logistik gleichermaßen Chance wie Risiko. Der aktuelle Zustand der Straßen und Brücken zwingt oft zu Umwegen und erhöht den Aufwand erheblich, während eine Modernisierung der Infrastruktur enorme Potenziale freisetzen könnte. Auch beschleunigte Genehmigungsprozesse, zentrale Behördenstrukturen für die Genehmigungen und Mikrokorridore von den Binnenhäfen können Transportketten deutlich stabilisieren. Die intelligente Verkehrsträgervernetzung mit der Wasserstraße bietet zusätzliche Chancen. Chancen, die weiter ausgebaut werden können, wenn Lagerflächen, Suprastruktur und Anbindungen in Binnenhäfen forciert werden. Eine reine Verlagerung durch Regulierung ohne infra- und suprastrukturelle Befähigung würde hingegen ein erhebliches Risiko darstellen.

 

Welche Rolle spielen Kooperationen und Partnerschaften in der Branche, um auf die wachsenden logistischen Anforderungen zu reagieren?

 

Eine aus meiner Sicht sehr wichtige Rolle. Kooperationen und Partnerschaften spielen eine zentrale Rolle, um den steigenden logistischen Anforderungen zu begegnen. Als Hersteller von Lösungen des erneuerbaren Energie-Ökosystems ist ENERCON auf ein starkes Netzwerk entlang der gesamten Transportkette angewiesen. Innovative Partnerschaften schaffen neue Optionen, erhöhen die Resilienz und ermöglichen Lösungen, die unserer Kundschaft echten Mehrwert bieten. Ein Beispiel hierfür ist die gemeinsam mit Rhenus entwickelte „Rhenus Berlin 1“, die neue Transportmöglichkeiten auf der Wasserstraße erschließt.

 

Mit der “Rhenus Berlin 1” ist ENERCON eine 3-jährige Charter eingegangen und stärkt damit die Transportalternative auf der Wasserstraße. Konnte mit dem Projekt der Anteil des Verkehrsträgers Wassers für ENERCON erhöht werden?

 

Ja, der Anteil der Transporte über die Wasserstraße konnte erhöht werden. Die „Rhenus Berlin 1“ ist ein wichtiges Element einer übergeordneten Strategie zur Stärkung multimodaler Transportketten. Ohne dieses Schiff wären die aktuell längsten Rotorblattgenerationen im Kanalgebiet nicht zu bewegen. Das Projekt erweiterte damit real unsere Handlungsspielräume und unterstützt die sichere Planung.

 

Trotz steigender Arbeitslosenzahlen ist der Fachkräftemangel im Fahrdienst nach wie vor akut, auch für Schiffsführer*innen gibt es einen hohen Bedarf. Beeinflusst der Mangel die WKA-Logistik bei ENERCON?

 

Der Fachkräftemangel beeinflusst die WKA‐Logistik deutlich und systemisch. Es gibt weniger Bewerbungen für LKW‐Fahrer*innen, was wir durch unseren eigenen internen Fuhrpark wahrnehmen. In der Binnenschifffahrt stehen viele Schiffsführer*innen kurz vor dem Ruhestand, ohne ausreichend nachrückende Fachkräfte. Zusätzlich fehlen Kapazitäten in den (Genehmigungs-) Behörden, Ingenieurbüros, für Begleitfahrzeuge und Schleusenbetriebe. All diese Faktoren wirken direkt auf die Resilienz der Transportketten und erhöhen das Risiko für Verzögerungen.

 

Zunehmend erschweren Baustellen und eine marode Straßeninfrastruktur die Planbarkeit von Straßentransporten. Führt diese Situation zu einer Verlagerung auf den Verkehrsträger Wasser?

 

Eine echte Verlagerung von Straßentransporten auf die Wasserstraße findet trotz zunehmender Einschränkungen auf der Straße bei ENERCON kaum statt. Dies liegt maßgeblich an zwei Faktoren: Zum einen bleibt die letzte Meile zwingend straßenbasiert. Zum anderen ist die Wasserstraße schon seit vielen Jahren zentraler Bestandteil unserer Transportkette. In den letzten drei Jahren konnten wir einen jährlichen Zuwachs von bis zu 10% in unseren Binnenschiffstransporten verzeichnen. Dieses Jahr erwarten wir einen weiteren Anstieg. Ein kurzfristiger, branchenweiter Ansprung der Volumen für die Wasserstraßen ist jedoch kritisch zu bewerten. Binnenhäfen verfügen häufig nicht über ausreichende Lagerflächen, Suprastruktur oder Anschlusslogistik. Projektverschiebungen und flexible Zwischenlagerbedarfe verschärfen diese Situation. Die Wasserstraße bleibt aus meiner Sicht eine sehr wertvolle Ergänzung – aber kein Ersatz.

 

Was sind aus deiner Sicht die fünf wichtigsten Trends für die WKA-Logistik in den kommenden Jahren? Welche externen Entwicklungen (z.B. politische Rahmenbedingungen, technologische Innovationen, Klimaziele) werden die WKA-Logistik in den nächsten Jahren am stärksten beeinflussen und wie bereitet sich ENERCON darauf vor?

 

Es gibt viele Trends, weshalb ich mich für die kommenden Jahre auf fünf Entwicklungen beziehe, die die WKA‐Logistik maßgeblich beeinflussen könnten: Erstens gewinnt die Modernisierung der Infrastruktur weiter an Bedeutung. Sanierte Straßen, leistungsfähige Brücken und schnellere politische Entscheidungswege sind essenziell, um Transportketten robuster, planbarer und effizienter zu gestalten. Gerade im Hinblick auf Engpässe in der Streckenführung und bei Park- sowie Umschlagsflächen entscheidet die Qualität der Infrastruktur zunehmend über die Machbarkeit großer Logistikprojekte. Zweitens wird die Digitalisierung und Überarbeitung der Genehmigungs- und Routingprozesse zu einem zentralen Erfolgsmodell beitragen können. Die Weiterentwicklung von VEMAGS hin zu einem multimodalen Routing‐ und Genehmigungstool — idealerweise ergänzt durch Mikrokorridore — kann Genehmigungszeiten verkürzen, Routenrisiken reduzieren und die multimodale Planung deutlich verbessern. Schnelle, pragmatische Genehmigungsverfahren sind ein Schlüssel für resiliente Transportketten. Drittens entwickeln sich nachhaltige Transporttechnologien rasant weiter. Klimaziele spielen eine zunehmend wichtigere Rolle, vor allem für nachhaltige Unternehmen wie ENERCON. Wir beteiligen uns aktiv an den Trends, wie durch unser neues Plug‐in‐Hybrid-Schiff, die MS Biomar, oder unseren neuen, elektrisch betriebenen LKW zu erkennen ist. Neue Technologien ermöglichen der Wirtschaft völlig neue Lösungen. Diese Entwicklungen leisten einen Beitrag zu Klimazielen und unterstützen gleichzeitig die langfristige Betriebssicherheit in der Logistik. Viertens befindet sich die Binnenschifffahrt selbst im strukturellen Wandel. Neue Schiffstypen, autonomiefähige Steuerungssysteme und sich verändernde Geschäftsmodelle schaffen zusätzliche Möglichkeiten — auch für Branchen wie die Windenergie. Die oft geringe volumetrische Auslastung von Rotorblatttransporten auf den Wasserstraßen zeigt, dass die Bewertung der Wasserstraße künftig wirtschaftlich wie ökologisch neu gedacht werden muss. Ein mit vier Rotorblättern voll beladenes Jowi-Klasse Binnenschiff ist volumetrisch gerade einmal zu 3% ausgelastet. Fünftens wirken die Klimaziele als übergeordneter Treiber, der Innovation beschleunigt, aber gleichzeitig den Druck auf Infrastruktur, Kapazitäten und Planbarkeit erhöht. Klimafreundliche Lösungen sind nur dann wirklich wirksam, wenn die zugrunde liegende Infrastruktur — ob Straße, Hafen oder Wasserstraße — entsprechend ertüchtigt wird. Dazu gehört auch, regulatorische und physische Mikrokorridore zu schaffen, die multimodale Ketten stabilisieren und Engpässe reduzieren. ENERCON adressiert diese Trends bereits heute durch moderne Flottenkonzepte, strategische Partnerschaften, multimodale Logistikansätze sowie eine enge Abstimmung mit regulatorischen Entwicklungen. Die Weiterentwicklung der privaten Begleitung von Schwertransporten zeigt zudem, dass auch operative Trends wichtige Hebel für mehr Effizienz und Stabilität darstellen können.

 

Was benötigt ihr als WKA‐Hersteller, um eine resiliente und leistungsfähige Logistikkette auszubauen? Und was sind aus eurer Sicht die größten kurzfristigen Hebel?

 

Für eine resiliente Logistikkette benötigen wir vor allem funktionierende Infrastruktur und schnellere, verlässliche Entscheidungswege. Eine kurzfristige Schaffung von Parkflächen, bspw. durch Reaktivierung von stillgelegten Parkplätzen, zentrale Genehmigungsstellen mit Fachexpert*innen und ein digitales und einheitliches Genehmigungssystem sind entscheidend. Damit die Wasserstraße flächendeckend an Attraktivität gewinnt, sehen wir die Anpassung von Schleusenabmessungen, Brückenhöhen und Hafenanbindungen auf aktuelle Anlagendimensionen als notwendige Maßnahme. Hier würden auch Förderungen für Suprastruktur, wie Krane und Mobilkrane in den Binnenhäfen und ein Schutz von bestehenden Hafenlagerflächen vor bspw. herannahender Wohnbebauung oder sogar deren Ausweitung helfen. Kurzfristig besonders wirksam wäre zudem eine weitere Stärkung der Kommunikation bezüglich Pragmatismus in der Zusammenarbeit mit Behörden, insbesondere wenn schnelle, praktikable Lösungen im Sinne der Energiewende erforderlich sind. Dazu gehört auch die Schaffung einer flexiblen Lösungsfindung durch Fahrzeugklassen, welche ähnliche Fahrzeugabmessungen umfassen und priorisierte Korridore für regelmäßige Strecken von und zu den deutschen Seehäfen. Auch die stärkere Einführung von Möglichkeiten zur polizeifreien Begleitung, um die Behörden zu entlasten und die Transporte flexibel zu planen, gerade mit Blick auf Herausforderungen, wie den zuvor genannten Parkplatzmangel, sind wichtige Stellschrauben für eine resiliente Gestaltung der Transportketten.

 

Mehr Infos rund um die WKA-Logistik finden Sie in der ersten Ausgabe des Trend Scouts Short Sea Shipping [LINK].

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN